Von Ute Schulte-Ostermann
Die Spiel- und Naturerfahrungen meiner Kindheit sind mir zur Lebensaufgabe geworden, sowohl privat, als auch beruflich. In Hamburg geboren, lebe ich seit 50 Jahren in Kiel. In Kiel ist es selten windstill, immer gibt es genügend frische Luft zum Atmen. Was mich besonders an Kiel begeistert, sind die dörflichen Stadtteile und in einem lebe ich nun schon seit Jahrzehnten. Meine Kinder und ihre Freunde hatten dort genauso viel Freiheit und ebenso eine abenteuerliche Kindheit wie ich als Kind in der Nachkriegszeit in Hamburg.
Viele Jahre habe ich in Kiel in einer Jugendeinrichtung als Sozialpädagogin gearbeitet. Dort habe ich eine Naturwerkstatt und eine Zirkusschule mit 72 Kindern und Jugendlichen gegründet. Der Zirkus „Wiktonelli“ hatte in Kiel im eigenen Zelt viele Aufführungen. In den Sommerferien gab es in der Jugendeinrichtung das Mittelalterprojekt „Wikroda“ mit einer Theateraufführung zum Abschluss. 1995 war ich sehr glücklich darüber, Spiel- und Theaterpädagogik studieren zu können. Hier lernte ich Sylva Brit Jürgensen kennen und wir entwickelten 1997 das Konzept der berufsbegleitenden zweijährigen Weiterbildung NaturSpielpädagogik, welche dann 1999 als Modellprojekt des Landes Schleswig-Holstein begann. 1999 gab es im Süden die Naturschule Freiburg und uns im Norden.
Heute, nach mehr als 25 Jahren, gibt es in Deutschland eine volle Landkarte an Weiterbildungen in der Natur-und Wildnispädagogik, Pflanzen- und Kräuterpädagogik, Bauernhof-, Abenteuer,- und Erlebnispädagogik. Das ist gut so und dringend notwendig. Denn, wie sieht heute die Lebenswirklichkeit der Kinder in den hoch entwickelten Industriestaaten allgemein aus? Die Vorstellung davon, was Natur ist, wird immer häufiger durch Medien vermittelt und nicht mehr durch eigene Erfahrungen erworben. Das fördert Unsicherheit und unnötige Angst vor der Natur, so wie es der amerikanische Umweltjournalist Richard Louv in seinem Buch „Das letzte Kind im Wald?“ beschreibt. Es gibt über hundert Studien, die den positiven Einfluss der Natur auf die mentale, soziale, kognitive und psychische Entwicklung von Kindern belegen. Deshalb sollten Kinder vermehrt die Möglichkeit erhalten, die Natur spielerisch zu erfahren. Das würde ihre Gesundheit, Kreativität, Ausdauer und Konzentration fördern.
Kindern mehr Naturerfahrung zu ermöglichen, engagiere ich mich seit Jahren für die Natur- und Waldkindergärten, eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Natur- und Waldkindergärten sind nicht nur bei uns gefragt, sondern inzwischen ein deutscher Exportschlager. Für Vorträge bin ich daher seit einigen Jahren weltweit unterwegs. Auch die NaturSpielpädagogik hatte von 2016 bis 2019 ein Zwischenspiel in der Volksrepublik China. Sylva und ich machten dort mit Di Wang und motivierten Kitaleitungen viele nachhaltige Erfahrungen mit schönen Erinnerungen.
Ich wünsche mir für alle Kinder der nächsten Generationen weltweit eine nachhaltige Zukunft in der Natur. Ute Schulte Ostermann ist Dipl.Sozialpädagogin, Umweltpädagogin, Spiel- und Theaterpädagogin, Vorsitzende des Bundesverbandes der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland e.V., Dozentin der „NaturSpielpädagogik“ beim Institut für Weiterbildung der Fachhochschule Kiel.
