Impressionen der Zeitreise-Samstage

Die ersten Monate sind gut gelaufen und wir haben die ersten beeindruckenden Frauen in der Naturwissenschaft kennen gelernt.
Um wen ging es da?
Mit welchen wissenschaftlichen Themen haben wir uns beschäftigt? 
Wie haben wir diese zugänglich gemacht?
Hier ein paar Eindrücke, Recapitulationen, und gesammelte Ideen:

Marie Tharp (1920-2006) ist unsere Wissenschaftlerin des Monats Januar

Am 24.01.2026 hatten wir den ersten Zeitreise-Samstag in der Zentralbücherei Kiel. Marie Tharp hat die erste Weltkarte vom Meeresboden gezeichnet. Dabei wurden die Mittelozeanischen Rücken entdeckt, wodurch der Beweis für die Plattentektonik erbracht wurde. Mit ihrem Forschungspartner Bruce Heezen gab es aber eine klare Aufgabenverteilung, weil Marie als Frau nicht an den Seereisen teilnehmen durfte. Er war also unterwegs und machte Messungen und sie bekam die Daten ins Büro, rechnete, und zeichnete. Nur mit Papier und Bleistift hat sie unser Verständnis vom Aussehen und den geologischen Bewegungen des Planeten maßgeblich verändert und neu geprägt.

Deshalb fragen wir uns im ersten Schritt: Wie muss ich mir eine wissenschaftliche Arbeit vorstellen, bei der Marie aufzeichnete, was niemand gesehen hat? Wie kann ich überhaupt erfassen, was ich nicht sehe, denn auch Bruce hatte den Meeresboden ja nicht in Sichtweite, sondern tausende Meter tief unter dem Schiff?

In einem zweiten Schritt holen wir Marie Tharp mit unserer Zeitmaschiene in die Bücherei. Sie erzählt von ihrer Arbeit und ihrem Leben. Stellt fragen an die Teilnehmer*innen und bewundert, dass bei uns ihre Karten in jedem Atlas zu finden sind.

Im dritten Abschnitt wollen wir das auch ausprobieren: Kann ich Ungesehenes, unter der Wasseroberfläche, sinnvoll was zu Papier bringen, nachdem ich es auf nicht-optische Weise ERFASST habe? Am Ende wird der Schleier gelüftet und wir können vergleichen, was im Wasser und auf dem Papier ist. Und wir haben eine ganze Reihe guter Werke von unserem experimentellen Meeresboden erhalten 🙂 Die wollen wir auf jeden Fall weiter verarbeiten und in den kreativen Output zum Projektende einbinden.

Ada Lovelace (1815-1852) ist unsere Wissenschaftlerin des Monats Februar

Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace – alias Ada Lovelace – schrieb das erste Comuterprogramm etwa 100 Jahre vor der Erfindung von elektonischen Computern in unserem Sinne. In den 1840ern gab nicht mal Stromversorgung aber Ada begründetete mit ihrer Vorstellungskraft, dass Maschienen mit Rechenprozessen Informationen verarbeiten können, die Informatik. Alles was mathematisch ausgedrückt und in Maschienenbefehle umgesetzt werden kann, hielt Ada schon damals für möglich, z.B. das Komponieren von Musik, das Berechnen von Zahlen weit über den menschlichen Verstand hinaus, usw. Was zu ihrer Zeit als Phantasterei einer Dichterin abgetan wurde, erweist sich heute als erstaunliche Prognose unserer Gegenwart.

Aber wie geht das eigentlich, programmieren? Was ist das? Informatik ist doch kompliziert?

Nun, für uns wird der Zeitreise-Samstag am 28.02.2026 zu einem Rätsel-Spaß. Und es ist gar nicht so leicht zu trennen: Wo spielen wir mit den Rätseln und wo ist die darin enthaltene Informationsverarbeitung Programmier-Handwerk. Das Gute ist, als NaturSpielpädagoginnen wissen wir, alle wichtigen Aspekte sind enthalten und Spiel, Spaß, Handwerk, und Lernerfahrung zu trennen ist gar nicht nötig – wenn alles zusammen geht und ineinander greift, haben wir die Königsdisziplin unseres Faches gemeistert 😉

Da Ada sich von Lochkarten für Webstühle hat inspirieren lassen, wollen wir erfahren, wie das ist: Wie liest man Löcher? Wie packt man Informationen in das, was nicht da ist? Und wie schnell ist binärer Code klar, wenn es um Loch-oder-nicht, schwarz-oder-weis, 1-oder-0 geht. Das macht richtig Spaß. Und nachdem die Teilnehmerinnen den Kniff raus haben, entschlüsseln sie fröhlich die Lochkartenbotschaft, die Nonogramme, und tauschen „Geheimbotschaften“ in verschiedenen Codes.

Fun fakt: Heute sind wir zu Computern geworden. Denn das Wort „Computer“ kommt vom Englischen „to compute“ und war ursprünglich eine Berufsbezeichnung für Frauen, die solche Kalkulationen (nicht zuletzt als Berechnerinnen für Flugbahnen und Code-Knackerinnen im 2.Weltkrieg) durchführten. Solche Frauen** programmierten 1946 auch den ersten elektischen Universalcomputer, indem sie ihre analogen Kalkulationen in eine Maschiene codierten.

**Kay Mc Nulty, Frances Bilas, Betty Jean Jennings, Elisabeth Snyder, Ruth Lichtermann, & Marlyn Wescoff

Rachel Carson (1907-1964) ist unsere Wissenschaftlerin des Monats März

Uns erreichte die Frage, ob es unter all den – bei uns im Pop-up Museum vorgestellen Frauen – eigentlich überhaupt eine gibt, die ein glückliches Leben hatte.

Nun, alle Frauen oder besser alle Personen in der Wissenschaft müssen sich Herausforderungen stellen. Bei Frauen ist so EINE Herausforderung aber mehr als das und oft nicht so einfach zu bewältigen, wie für einen Mann, weil sie allein aufgrund ihres Geschlechtes benachteiligt wurden. In vielen Biographien spiegeln sich deshalb die gesellschaftlichen, ethisch-moralischen, politischen Tragödien. Bei manchen wurde sich arrangiert, an manchen sind unsere Heldinnen zugrunde gegangen, manche wurden gemeistert. Deshalb scheinen nur wenige WissenschaftlerINNEN ein glückliches Leben gehabt zu haben, obwohl nicht wenige mit berechtigtem Stolz im verdienten Erfolg auf herausfordernde Lebensabschnitte zurück blickten.

Rachel Carson ist eine Frau, von der viele selbst verfasste Werke erhalten geblieben sind, und von der z.B. auch Briefe erhalten sind. Deshalb wissen wir bei ihr, nicht nur von den Leistungen und den Herausforderungen, sondern sie erzählt uns auch – heute etwa 80 Jahre später – noch in eigenen Worten, was sie dabei empfand. Deshalb wagen wir zu behaupten: Ja, es gab auch glückliche Naturwissenschaftlerinnen! … und Rachel Carson ist ein gutes Beispiel dafür, fand sie doch vor allem in ihrer Familie (im gemeinsamen Haushalt mit Eltern, Schwestern, später Nichten und Neffe), trotz der Care-Arbeit und ihrer Rolle als Hauptverdiener, viel Zuspruch und Halt.

Bei Rachel Carson wurde Naturbegeisterung zu Literatur, mit der Wissenschaft als Ankerpunkt. Nach mehreren ozeanographischen Büchern, fielen Rachel Carson die schädlichen Auswirkungen von unkontrolliertem, flächendeckendem Pestizid-Einsatz auf, die sie – immer darauf bedacht sich ausschießlich auf wissenschaftlich fundierte Fakten zu stützen – in ihrem Werk „Silent Spring“ / „Stummer Frühling“ der Bevölkerung aufzeigte. Sie wurde damit schon zu Lebzeiten berühmt, fand u.a. beim amerikanischen Präsidenten Gehör für ihre Schlussfolgerungen, war Thema in den Snoopy-Comics, und wird auch heutzutage in Liedern (z.B. Silent Spring von Emmas Revolution) besungen. Ihre populärwissenschaftlichen Texte gaben den Ausschlag der Bewegung zum Umweltschutz, in der sie sich wie ihre Mutter und 2 Millionen weitere Frauen engagierte.

Rachel Carson’s „Magie des Staunens“ aber auch „nature journaling“ und „nature writing“ geben uns einen zeitlosen Zugang zu dieser schönen Art von Beobachten, Protokollieren, und kreativem Gestalten.

Haben wir heutzutage einen stummen Frühling? Hören wir all die Geräusche der Insekten und Vögel zum Frühlingserwachen? Am 28.03.26 entsteht dazu gemeinschaftlich eines von vielen Elfchen und Heikus:

Vogelstimmen
grauer Frühlingstag
schnarrendes Trillern spispizizizie
buntes Konzert im Regen
Blaumeise

Frauen der Mathematik im April

Nachdem Teilnehmer*innen gemerkt haben, dass es im spielerischen Zugang gar nicht beängstigend sein muss, sich mit Mathematik, Informatik und Co. auseinander zu setzen, gibt es den Wunsch die Abneigung zu adressieren, bei der Naturwissenschaft vermeintlich kompliziert und als schwere Kost empfunden wird. Also machen wir doch mal Frauen in der Mathematik sichtbar und greifen auch die Arbeiten von Sheila Tobias gegen „Mathe-Angst“ und „MINT-Phobie“ auf.

Wir hatten zwei Ansätze als Einstieg die beide gut funktioniert haben.

1.Wir benutzen Bilder. Also finden sich 10 Frauen in verschiedensten Darstellungen auf dem Tisch. Alles Mathematikerinnen. Aber was sind sie noch? Wer sind sie? Was fällt auf? Was weckt unser Interesse?
Ein Teilnehmer greift sich gleich „die Oma“. Und so arbeiten wir uns von diesem Implus über Name und Lebenszeit durch die Biographie. Sie hält auf dem Foto auch ein Poster mit etwas, das an Kornkreise erinnert. Es sind die Nazca-Linien. In der Vermutung diese Linien bilden einen Kalender, den sie mathematisch beschreiben und festhalten möchte, ist Maria Reiche (1903-1998) nicht nur die Erste, die in der peruanischen Wüste systematisch kartiert und forscht, sondern sorgt auch dafür, dass dieses Flächendenkmal als UNESCO-Welterbe der Menschheit anerkannt und geschützt wird.
Nach zwei durchlebten Weltkriegen ist ihre Herkunft als deutsche Akademiker-Tochter offensichtlich nicht mehr in dem Sinne charakteristisch. Denn sei ehrlich, selbst bei einer MathematikerIN, denkst du nicht an jemanden, die mit einer Frau in einer Hütte am Rande der Wüste in Verhältnissen haust, bei denen nachts die Mäuse die Notizen zerfressen; und die sich tags an den Kufen eines Helikopters festschnellen lässt um zu arbeiten!? 😲🤩

2. Wir fragen die Teilnehmer*innen: Was ist Mathematik FÜR DICH (Emotionen erlaubt)? Wir freuen uns, dass die anwesenden Kinder Mathe als (ein) Lieblingsfach nennen – Interesse und auch ein bisschen Vorkenntnis im Thema ist also vorhanden. Von Erwachsenen kommt der nicht unübliche Punkt, dass der Schulunterricht noch gut verständlich war, im Studium Mathematik aber  für totale Verwirrung sorgte – ein guter Punkt, der von viel Lebenserfahrung spricht. Und alle nennen zusätzlich auch „Angst“ & „Stress“, z.B. im Zusammenhang mit Tests, oder wenn etwas gar nicht oder nicht ‚richtig‘ erklärt wird.
Das entspricht auch den Beobachtungen von Sheila Tobias: Wir fürchten uns vor Mathematik, wenn wir in Tests versagen, obwohl uns ’nur‘ der Zeitdruck die Fähigkeit zum Denken raubt und es nichts über unser mathematisches Verständnis sagt. Wir schelten uns selbst, wenn wir verwirrt sind, sagen immer ‚ICH bin zu doof dazu‘ aber nie ‚da ist jemand nicht in der Lage, es mir zu erklären‘. Und Mathe ist schwer – wer das erkennt, hat schon sehr viel mathematisches Verständis – also ist gute Wissensvermittlung unerlässlich; aber auch da ist der allgemeine Konsens eben nicht ‚wie klug von dir, die Herausforderung in der Aufgabe zu erkennen‘ sondern leider meist ‚wenn es für dich zu schwer ist, hast du halt nicht das Zeug dazu‘. Das kann und muss sich ändern. Denn wie wir heute deutlich zeigen und sehen können, stecken Zahlen, Maße, Zeiterfassung, Datenerhebung, u.v.m. nun mal in allen Naturwissenschaften. Eine Teilnehmerin hält fest „Mathe ist die Sprache der Wissenschaft“. Da ist es doch sehr schwer, den spannenden naturwissenschaftlichen Themen und den Menschen zu fröhnen, die sie betreiben, wenn wir uns vor ihrer Sprache fürchten. 🫣

Wir haben festegestellt, dass ein Termin dafür zu wenig ist. Wir werden also Mathematikerinnen und Mathe-Angst-Kur später im Jahr erneut aufgreifen 🙂

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar